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»In
seinem jüngsten Roman hat er diese Atmosphäre noch einmal aufleben
lassen und dem "Nachfolger" einen historischen Fall zugrunde
gelegt: den mysteriöse Selbstmord des designierten
Hodscha-Nachfolgers Mehmet Shehu, der zwischen 1954 und 1981 als
Ministerpräsident amtiert hatte.
Das Gerücht
war rasch aufgekommen und nicht wieder verstummt, Shehu sei von seinem
ehemaligen Schwager, dem Verteidigungsminister Kadri Hazbiu, aus dem
Weg geräumt worden. Kurz nach seinem Tod wurde Shehu von Hodscha zum
multiplen Agenten aller erdenklichen westlichen Geheimdienste erklärt.
Vor fünf Jahren schließlich wurden seine sterblichen Überreste, die
man umgebettet hatte, in der Nähe von Tirana entdeckt.
Kadare
versucht sich jedoch nicht an einer kriminalistischen Rekonstruktion,
weil ihn das paranoide Klima mehr interessiert, in dem solche Dinge
geschehen. Er hat den Namen des angeblichen Mörders leicht
verwandelt, der Mann heißt jetzt Hasobeu, er hat ihn zum
Innenminister gemacht und das Todesdatum des Nachfolgers ein paar Tage
vorverlegt. Hodscha ist nur "der Führer", der Name Shehu fällt
nie, aber die Konturen sind so ausgeprägt, einige Details so minutiös
geschildert wie Tagesreste in einem Traum.
Die Struktur
des Buches erinnert allerdings noch immer vage an eine Ermittlung,
weil die Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven geschildert werden.
Da spricht der Architekt, der den Umbau des Nachfolger-Hauses
vielleicht zu opulent gestaltet hat und der von dem unterirdischen
Gang zwischen der Villa des Nachfolgers und der des Führers nichts wußte;
man sitzt beim "Führer" im Arbeitszimmer, wird zum Zeugen
von Hasobeus Ängsten und hört im letzten Kapitel den Nachfolger
sprechen, von einem Unort, aus dem "schwarzen Abgrund des Alls,
in dem wir verloren umhertreiben".
Kadares Prosa
schildert diese Welt sehr einfach, trügerisch klar und ohne
metaphorische Verzierungen. Der Architekt bekennt sich als Täter, der
Erzähler, der selbst wie ein Gespenst zwischen den verschiedenen
Perspektiven wechselt, läßt Hasobeu in der fraglichen Nacht zur
Pistole greifen - doch jede dieser eindeutigen Aussagen beginnt sofort
unheimlich zu schillern. Das Mißtrauen gegenüber allen Versionen
macht auch jeden Plot zum Komplott. Niemand weiß, was in der Nacht
geschehen ist, auch "der Führer" nicht, und er braucht es
auch gar nicht zu wissen, weil seine Technik der Macht gerade auf der
Rätselhaftigkeit beruht - und darauf, daß alle anderen sein
Informiertsein voraussetzen.
Ismail
Kadares Buch liest sich wie eine Legende, wie ein böses Märchen -
auf den ersten Blick. Es ist dann jedoch, wenn es so etwas geben
sollte, eine realistische Legende. Man kann Kadare nicht vorwerfen, er
hielte sich eine finstere Wirklichkeit durch kunstvolle Vernebelung
vom Leib; er gibt dem Geschehen eine verhängnishafte Gestalt, und das
ist womöglich angemessener als jede nüchterne Rekonstruktion.
"Wir hätten es eher für möglich gehalten, daß Himmel und Erde
ihren Platz tauschten, als daß sich in Albanien etwas änderte",
sagt der untote Nachfolger.
Kadare hat für
diesen Zustand ein Bild gefunden, das kaum zufällig aus einem Medium
der Fiktionen stammt. Da spricht der Sekretär Hodschas von einem
Aufsatz, der eine Analogie zwischen "der Denkstruktur von
Tyrannen und der Architektur von Albträumen" festgestellt hat.
Wie in einem rückwärts laufenden Film sieht man zunächst die Ruine,
und wenn sich die Bilder in Bewegung setzen, ersteht das Haus wieder
vor einem. Prinzip des rückwärtigen Zerfalls nennt sich das; es ist
das Prinzip des Regimes.
"Der
Nachfolger" ist ein Roman, der einen wahlweise frösteln oder
fiebern läßt, weil er dem Leser die paranoide Atmosphäre weniger
erklärt, als daß er sie ihn erfahren läßt, um ihn ohne Auflösung
zu entlassen. Es ist nur ein kleines, nicht einmal zweihundert Seiten
dickes und zugleich ein großes Buch.«
Peter
Körte in der F.A.Z. vom 4.10.2006
Der Roman "Der Nachfolger" wurde in die SWR-Bestenliste für
den Monat Februar 2007 aufgenommen. |